Betrachtungen über die Zeit

Der einfach Mensch der Urzeit kannte noch keine Zeitrechnung, sondern nur Zeitangaben, wobei er sich nach Himmels- und Naturerscheinungen richtete. Von den Himmelskörpern war der Mond der erste Zeitmesser; erst auf höherer Kulturstufe und mit dem Aufkommen wissenschaftlicher Forschung wurde die Sonne zum Mittelpunkt der Zeitrechnung. In Verbindung mit der Sonnenzeit lernten wir in der 3. Klasse nicht nur die Himmelsrichtungen sondern auch die geographische Einteilung der Welt in Morgenland und Abendland kennen:

Im Osten geht die Sonne auf
Im Süden steigt sie hoch hinauf,
Im Westen geht sie unter
Im Norden wär’s ein Wunder.

Bei dem Wechsel von Tag und Nacht und der Jahreszeiten standen die Nacht und der Winter im Vordergrund. Ein ausgebildetes System besonderer Namen für alle wichtigen Zeitabschnitte des Tages, der Woche, der Monate und des Jahres und eine geregelte Zeitrechnung verdanken wir dem Orient und hier vor allem Babylon.

Die Tageszeit wird auch heute noch, wo doch in jedem Haus eine Uhr zu finden ist, zuweilen nach dem Stand der Sonne, bzw. nach der Länge und Richtung des eigenen Schattens, am Morgen nach dem Hahnenkrähen und nach den anderen Anzeichen gemessen. Die Sonnenstrahlen bestimmen die Zeit des Frühstücks und des Mittags. Wie der Hahn im täglichen Leben, so erscheint der Kuckuck im Jahresleben als ein Zugvogel; der durch seinen ersten Ruf die Ankunft des Frühlings verkündet. Als Periode wird auch eine Zeit für das Geordnete und Regelmäßige bezeichnet, wie bei der Bennennung von Ebbe und Flut als Zeiten oder Gezeiten.

Die Kirche unterscheidet zwischen geschlossenen Zeiten (Advent, Fasten), in welchen weder Hochzeiten noch lärmende Vergnügungen stattfinden sollen und drei oder zwei heiligen Zeiten, die entweder um Weihnachten, Ostern und Pfingsten oder nur um die zwei ersten Festtage liegen.

Am Sonntag ist vor allem die Zeit des Gottesdienstes eine heilige Zeit, zumal an hohen Festtagen wie dem Palmsonntag.

Die wunderkräftigste Zeit ist natürlich die hl. Nacht, namentlich die Mitternacht, in welcher Christus geboren wurde.

Die Volksmedizin beobachtet stets bestimmte Zeiten. Für das Sammeln von Heilkräutern und Wurzeln gelten, wie auch für die Heilhandlungen selbst, bestimmte Tages-, Mond- und Jahreszeiten.

Im menschlichen Leben gibt es auch bestimmte Zeiten, die von großer Bedeutung sind. Dies ist die Zeit der Geburt und der Taufe, die nicht erfolgen soll, wenn ein Grab offen steht, weil sonst das Kind stirbt, dann die Hochzeit, die in der “stillen” oder “geschlossenen” Zeit verboten wird und der Tod.

Und wie im Einzelleben, so wurden auch im Völkerleben stets außergewöhnliche Zeiten, die Zeiten von Kriegen, Teuerung und Hungersnot ängstlich beachtet und dienten oft als Ausgangspunkt zur Entstehung allerlei abergläubischer Überlieferungen.

Eine völlige Zeitlosigkeit besteht auch nicht im Reich der Toten, nur verfließt dort die Zeit bedeutend schneller, wie namentlich die Sage vom Mönch zu Heisterbach mit ihren zahlreichen Lesearten beweist (und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag).

Auch zur Veranschaulichung einer räumlichen Entfernung spielt die Zeit eine Rolle. In der griechischen Mythologie fällt ein eherner Amboss neun Tage und Nächte aus dem Himmel und gelangt erst am 10. Tage auf die Erde. Es steht andererseits nirgends in den Büchern, wie viele Tage Jesus zu seiner Himmelfahrt brauchte, weil sich diese Tatsache unserer Erkenntnis und unserem Denkvermögen entzieht und sich nur auf den Glauben bezieht.

Auf ewige Zeiten werden in der Volkssage oft Frevler und Verbrecher verdammt, doch hat das Christentum dieser irdischen Ewigkeit auch einen zeitlichen Zielpunkt im jüngsten Tag gesetzt.

Über allem Sein und an der Spitze der göttlichen Hierarchie und dem Anfang aller Dinge steht jedoch die unendliche Zeit.

Hans Lehrer