Brief an Angelika Auer

Stellvertretend für die vielen Schüler, für die Josef Auer in all den Jahren ein ausgezeichneter Lehrer war, möchte ich hiermit das Wort ergreifen und dir liebe Angelika versichern, dass dein Vater, den wir in der 7. und 8. Klasse hatten, auch für uns der bester Lehrer war, den man sich nur wünschen konnte. Aus den meisten von uns ist tatsächlich etwas geworden, was wir zweifellos auch deinem Vater zu verdanken haben; denn gerade in den Jahren, wo man in den Stimmbruch kommt und die Pubertät in sich zu spüren beginnt, ist es wichtig, einen Menschen zur Seite zu haben, der einem Vorbild und Ansporn ist. Deshalb werde ich nicht vergessen, wie uns dein Vater in der 8. Klasse im Pfarrsaal der St. Augustinuskirche aufgeklärt hat. Er machte das mit einer so großen Sensibilität, dass wir aus dem Staunen nicht herauskamen. Denn sexuelle Aufklärung war 1956 noch immer ein Tabuthema, über das unsere Eltern mit uns nie sprachen. Während wir bei früheren Klassenausflügen über Grünwald oder dem Ebersberger Forst nie hinauskamen, durften wir mit deinem Vater kurz vor Schuljahresende zwei wunderschöne Klassenfahrten machen. Während wir zum Ende der 8. Klasse im Jahr 1956 Schloss Linderhof und der Wieskirche einen Besuch abstatteten, fuhr er zum Ende der 7. Klasse mit uns nach Berchtesgaden zum Königssee und ließ natürlich Bad Reichenhall nicht aus, wo er dort vorher Lehrer war. Wir fuhren an einer Kaserne der Gebirgsjäger vorbei, und ich weiß noch gut, wie dein Vater schmunzelnd laut hinaus rief: “Wir kommen noch lange nicht!” Damals waren wir 14 Jahre alt und er 33.

Heute verstehe ich, was er damit meinte; denn sicher war ihm die Wiederbewaffnung, als Teilnehmer des 2. Weltkrieges, worüber er übrigens nie mit uns gesprochen hat, damals ein Dorn im Auge. Da lernte er uns schon lieber auf seiner Geige das Lied von der “Freiheit, die ich meine ... die mein Herz erfüllt ... komm mit deinem Scheine, süßes Engelsbild ... magst du dich nicht zeigen, der bedrängten Welt, führest deinen Reigen nur am Sternenzelt!“

Es freut mich natürlich, liebe Angelika, dass du ein Münchner Kindl geworden bist und deine Geburt in die Zeit fiel, als Josef Auer unser Lehrer war und er jeden Tag bei jedem Wetter mit dem Rad von der Prinzregentenstraße zur Forellenschule nach Trudering fuhr. Vielleicht war er deshalb immer so gut aufgelegt und nie zornig, einfach weil er glücklich und zufrieden war ... und sicher hat uns seine Frohnatur angesteckt und auch uns damals zu fröhlichen Buben gemacht.

Wenn man beim Tode eines Menschen sagt, dass man ihn nie vergessen werde, so hat das in diesem Fall für mich eine ganz besondere Bedeutung. Ich und all die anderen Klassenkameraden, die heute zur Beisetzung gekommen sind, werden dich lieber Josef, wirklich, so lange wir leben, nie vergessen und dich stets in der besten Erinnerung behalten. Ich finde, meine liebe Angelika, dass du deinem Vater äußerlich und ich denke auch innerlich sehr ähnlich bist. Das macht dich wahrscheinlich für uns so sympathisch; denn dein Vater lebt in dir weiter.

Nochmals unser aufrichtiges Beileid!

Hans Lehrer