Ist der Schleier als Teil der weiblichen Tracht noch zeitgemäß?

Immer häufiger begegnen wir zumeist fremden Frauen, die einen Schleier tragen. Als Teil der weiblichen Tracht ist er nicht nur als reines Schmuckstück anzusehen sondern bei einzelnen Völkern auch mit religiösen Vorschriften oder oft nur mit einem Aberglauben verknüpft. In erster Linie bezweckt der Schleier die Verhüllung des Kopfes, der am meisten bösen Einflüssen ausgesetzt ist, von dem aber auch am leichtesten ein böser Zauber ausgehen kann (Auge, Blick, Haare) und somit also für den Schutz der eigenen Person, aber auch der Umgebung wichtig ist.

Im deutschen Volksgebrauch haben wir es nur mit zwei Schleiern zu tun, mit dem Brautschleier und dem Trauerschleier, wobei auch die Farbe des Schleiers bedeutsam ist, wie überhaupt beim Kleid.

Bei den antiken Göttinnen kommt mit dem Schleier das Motiv der Reinheit, Unberührtheit und Jungfräulichkeit in Betracht. Die Kirche betonte schon früh, dass der Schleier, an dessen Stelle später meist der Jungfernkranz trat, das Sinnbild der Verhüllung, der Zucht und Schamhaftigkeit sei und darum nur gottgeweihten Jungfrauen und der schamhaften Braut gegeben werde, der letzteren, um sie an die eheliche Schamhaftigkeit zu erinnern. Die Jungfräulichkeit nimmt Zuflucht zu einem Schleier, wie zu einem Helm oder Schild.

Aus dem 15. und 16. Jh. ist zuweilen der Brauch überliefert, dass der Rat einer Stadt den zu Fall gekommenen Mädchen einen Schleier schickte, worin wohl eine Mahnung zur Sittsamkeit, verbunden mit einer öffentlichen Rüge, zu erblicken ist.

Das Gebot der strengen Verschleierung bei den mohammedanischen Frauen, geregelt durch Sure 24 (31), soll durch die Eifersucht Mohammeds veranlasst worden sein. Als nach dem 1. Weltkrieg Kemal Pascha aus Gründen der Gesundheit, Sittlichkeit und öffentlichen Sicherheit das Tragen des Schleiers in der Türkei verbot, zeigte sich ein starker Widerstand, namentlich bei der Landbevölkerung, wo man im Schleier das Sinnbild der Treue und Sittsamkeit sah und Frauen, welche den Schleier abgelegt hatten, als schamlose, entartete Geschöpfe betrachtete.

Neben dem Trauerschleier kommt besondere Bedeutung dem Brautschleier zu. In ältester Zeit kam die Braut schon verschleiert zum Altare, vom 4. Jh. an empfing sie den Schleier während der Trauung aus den Händen des Priesters.

Der Brautschleier höherer Art ist der Schleier der gottgeweihten Jungfrau, der Nonne, die damit die Vermählung mit dem himmlischen Bräutigam feiert. Auch der Jungfrau Maria kommt der Schleier zu.

Im europäischen Kulturbereich sterben die “Schleierträgerinnen” langsam aber sicher aus. Umso ungewohnter erscheint uns die Verschleierung der orientalischen Frauen, denen wir auf der Straße, im Supermarkt und auch anderswo begegnen.

An das Kopftuch bei muslimischen Frauen sind wir hier gewohnt, aber dass eine Frau einen Gesichtsschleier mit Sehschlitz oder Sichtgitter trägt, bedarf einer neuen Einschätzung.

Mit dem Argument, dass eine Komplettverschleierung die Sicherheit und die Ordnung gefährde, wollen verschiedene europäische Regierungen das Tragen von Schleiern, die das Gesicht komplett verhüllen, trotz Eingriff in die freiheitlichen Rechte, in der Öffentlichkeit verbieten. Ich überlasse es gerne dem Urteil des Lesers, wie er über diese, für uns doch recht ungewöhnliche Erscheinungsform und den daraus resultierenden Abwehrmaßnahmen denkt.

Hans Lehrer