Mit dem Transit durch Almanya

50 Jahre Heimat in DeutschTürkland Film von Elke Maar und Florian von Stetten.

3. Oktober 2011 um 19:15 Uhr im ARD (45 Min.)

In meinem Leben spielt die Türkei eine wichtige Rolle. Wer sich, wie ich, einmal in die Türkei verliebt hat, kommt davon nie mehr weg. Ich bezeichne es als “Kismet” oder Schicksal, dass ich 1963 am Münchner Hbf den Zug zum ersten Mal nach Istanbul bestieg und nach 48 Stunden Fahrt in der Stadt aus “Tausend und einer Nacht” ankam. Sofort begann ich, mir die türkische Sprache selbst beizubringen und fuhr in den darauf folgenden Jahren immer wieder mit dem Zug nach Istanbul. Jedes Jahr füllten sich die Züge mehr und mehr mit türkischen Gastarbeitern, und man saß mit ihnen eingequetscht in einem Zugabteil. In München fand meine erste Begegnung mit türkischen Gastarbeitern im Februar 1965 statt, als plötzlich drei von ihnen vor unserer Gartentüre auftauchten und in der Hand meine Adresse hielten, die ich in der Türkei bei Freunden in Kayseri hinterlassen hatte.

Sie wohnten in der Gastarbeiterunterkunft in der Neustifterstraße in Freimann und waren vor kurzem von der Stadt München hauptsächlich als Straßenkehrer, Müllkutscher und Straßenbauarbeiter angeworben worden. Gleich in der Nähe war ich damals Pionier in der Funkkaserne und besuchte die Türken regelmäßig in ihrem Heim. Wir aßen gemeinsam, und ich half gerne, wenn ihnen die deutsche Bürokratie zu schaffen machte. Um ihnen heimatliche Gefühle zu vermitteln, brachte ich meinen Plattenspieler mit und legte die Platte mit dem Ruf des Muezzin auf, die ich in Istanbul erworben hatte. Die Lautstärke reichte aus, dass die Türken aus allen Stockwerken zusammenströmten, in dem Glauben, ein Imam sei aus der Türkei zu ihnen gekommen, um sie zum Gebet zu rufen. Rasch wich die Enttäuschung trotzdem einer großen Freude und mancher wischte sich heimlich eine Träne ab. An den Sonntagen lud ich sie zu Stadtrundgängen ein und führte sie sogar auf den Turm des Alten Peter, der damals nur ein Balkongeländer hatte. Da sie nicht schwindelfrei waren, trauten sie sich kaum in die Tiefe zu schauen. Zwischen der Türkei und mir entstand eine innige Freundschaft, die ich mir auch noch nach 50 Jahren bewahrt habe.

Umso mehr freut es mich, dass ich bei dem Film “50 Jahre Heimat in DeutschTürkland”, der am 3. Oktober 2011 in der ARD ausgestrahlt wird, mitwirken durfte.

Hans Lehrer

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