Es geschah vor 125 Jahren ...

Beuge Dein Haupt Bavaria, wehre den Strom der Tränen nicht: Dein edelster Sohn ist geschieden, - König Ludwig II. ist eingegangen zur ewigen Ruhe. Von des Irrsinns unheilvollen Wahnvorstellungen befallen, hat er in den Wellen des Starnberger Sees seinen Tod gesucht und gefunden.

Das Unglück hat wahrscheinlich 6 Minuten vor 7 Uhr stattgefunden. Die Uhr Sr. Maj. zeigt Wasser zwischen Glas und Zifferblatt und ist um diese Zeit stehen geblieben. Die Leichen wurden an das Ufer gebracht. Beide Körper waren nach ärztlicher Aussage unmittelbar nach Verbringung ins Bett ohne Atmungserscheinungen und ohne Puls. Die Wiederbelebungsversuche wurden 45 Minuten lang fortgesetzt. Die Stelle, an welcher der König gefunden wurde, ist etwa fünf Fuß tief.

“Oh welch ein edler Geist ward hier zerstört”. Leider sind, wie die Erfahrung lehrt, Menschen mit hoher geistiger Begabung mehr als andere mit nur gewöhnlichem Verstand, der Gefahr, dem Irrsinn zu verfallen, ausgesetzt; auch hier berühren sich, wie so oft im menschlichen Leben die Extreme. Dem Seelenkundigen war es schon lange nicht verborgen, welches unheilvolle Verhängnis wie ein drohendes Damoklesschwert über das Haupt des unglücklichen Königs schwebte; die scheue Zurückhaltung, die sich der König bezüglich seines persönlichen Hervortretens und mehr und mehr auch im Verkehr mit den Räten der Krone, den Beamten seines Hofstaats, ja selbst den höchsten Verwandten auferlegte, die Einsamkeit, in die er sich zurückzog, die Eigenheiten und seltsamen Liebhabereien, denen er nachhing, die Sorglosigkeit, mit der er sich in Unternehmungen einließ, deren Ausführung seine Kräfte überstiegen, alle diese Erscheinungen - die an und für sich ja noch nicht als Beweis der Unzurechnungsfähigkeit betrachtet werden können, - mussten in ihrer Gesamtheit als Symptome des immer wachsenden Leidens betrachtet werden. Dazu kommt auch noch vererbte Veranlagung.

Die offizielle Berichterstattung ging also davon aus, dass der König Ludwig an einem schweren Leiden erkrankt ist, welches auf längere Zeit im Sinne der bayerischen Verfassung eine Regierungsbehinderung zur Folge hat. Dieses schwere Leiden ist eine geistige Erkrankung, die auf Grund umfassenden Materials von vier Autoritäten der Psychiatrie durch übereinstimmendes Gutachten festgestellt ist.

Bald nach dem rätselhaften Tod König Ludwig II., der nie aufgeklärt werden konnte, hatte sich das bayerische Volk eine eigene Meinung dazu gebildet. Gerüchte und Vermutungen, die von einem von langer Hand geplanten Komplott ausgingen, wurden begierig aufgenommen und verbreitet und haben im geselligen Volksgesang mit teils unterschiedlichen Strophen, die in keinem Liederbuch zu finden sind, bis auf den heutigen Tag, einen (denk)würdigen Platz in den patriotischen Herzen gefunden:

Totengedächtnislied

Auf den Bergen wohnt die Freiheit, / auf den Bergen ist es schön, /
|: wo des Königs Ludwigs Zweiten / alle seine Schlösser stehn. :|

Allzufrüh mußt er sich trennen, / fort von seinem Lieblingsplatz: /
|: ja, Neuschwanstein, stolze Feste, / warst des Königs liebster Schatz! :|

Allzufrüh muß er von dannen, / man nahm fort ihn mit Gewalt, /
|: gleich wie Barbarn hams dich behandelt, / und fortgeführet durch den Wald. :|

Mit Bandarsch und Kloriformen / traten sie behendig auf. /
|: Und dein Schloß mußt du verlassen / und kommst nimmermehr hinauf! :|

Nach Schloß Berg hams dich gefahren / in der letzten Lebensnacht, /
|: da wurdest du zum Tod verurteilt / noch in derselben grauen Nacht. :|

Doktor Gudden und der Bismarck, / den man den falschen Kanzler nennt, /
|: haben ihn in See neigstessn, / indem sie ihn von hint angrennt. :|

Lebe wohl, du guter König / in dem kühlen Erdenschoß, /
|: von dort droben kannst du nicht mehr / runter in dein stolzes Schloß! :|

Ja, du bautest deine Schlösser / zu des Volkes Wohlergehn. /
|: Neuschwanstein, das allerschönste, / kann man noch in Bayern sehn! :|

Hans Lehrer