Theodor Storm

In meinem Referat über “Theodor Storm” möchte ich Ihnen eine Lebensbeschreibung dieses großen deutschen Dichters geben und dabei auf seine literarischen Werke eingehen, vor allem in Bezug auf die deutsche Dichtung. Theodor Storm stammt aus Schleswig Holstein. Er wurde am 14. September 1817 in der Stadt Husum aus einem vornehmen Bürgergeschlecht geboren.

Er war der älteste von insgesamt zwölf Kindern. Sein Vater, Johann Storm, war Advokat und späterer Justizrat, ein Bauernsohn und nüchterner Mann, der des Sohnes poetische Neigung für dummes Zeug hielt. Storm ging über die höheren Schulen und studierte in Kiel und Berlin die Rechte. Seine ersten Kieler Semester wurden ihm zu einer bitteren Enttäuschung. Obwohl er ohne große Illusionen die Juristerei einfach als die “Wissenschaft des gesunden Menschenverstandes” gewählt hatte - nun erlebte er zum ersten Mal, wie er sich mit diesem Studium einsam fühlte. Das laute, veräußerlichte Korporationswesen stieß ihn ab; aber auch das beschränkte Strebertum anderer Kommilitonen entsprach nicht seinen Hoffnungen vom Höhenflug akademischen Lebens. Er blieb allein. Immer wieder fühlte er, dass man ewig ein fremder Gast in der realen Welt bleiben muss, wenn man Bürgerrecht im Reich des Schönen behalten will. Nicht viel besser als in Kiel ging es in Berlin, im dritten bis fünften Semester seines Studiums. Zum Wintersemester 1839 ging er wieder zurück nach Kiel. Und diesmal schenkte ihm die schöne Holstenstadt reichlich, was er früher vergebens gesucht hatte: - Freunde, mit denen er diskutieren, schwärmen und sich begeistern konnte. Er lernte die Brüder Theodor und Tycho Mommsen kennen und gab mit ihnen zusammen das “Liederbuch dreier Freunde” heraus. Vierzig Gedichte darin waren von Storm. Sein stärkster Eindruck in den letzten Universitätsjahren war ein Werk von Mörike “Malter Nolten”.

Als 26jähriger ließ er sich als Rechtsanwalt in Husum nieder. Er hatte bereits “Immensee” geschrieben, in einer ersten, später umgearbeiteten Fassung. Doch kümmerte ihn sein Weg als Schriftsteller bis dahin kaum.

1846 heiratete er Constanze Esmarch, seine Cousine. Konstanze war die Frau, die seine Liebeslyrik zu edelsten Blüten weckte, zu Gedichten, wie sie von großen deutschen Dichtern selten erreicht und kaum jemals übertroffen wurden.

1850 wurde Husum dänisch. Storm stand mit Entschiedenheit auf deutscher Seite. 1852 musste er seine Stellung als Anwalt aufgeben. Zum Rebellen geworden, wanderte er nach Berlin aus. Jahrelang arbeitete Storm in preußischen Diensten, zuerst in Potsdam, dann in Heiligenstadt. Immer wartete er sehnsüchtig auf die Befreiung seiner Heimat. Seine stärksten Eindrücke jener Zeit waren die Begegnung mit dem greisen Freiherrn von Eichendorff und eine Reise nach Stuttgart, zu Mörike, der wie immer, schwer krank, aber gelassen und heiter war.

Es kam das Jahr 1864. Und damit das Jahr, in dem Husum wieder deutsch wurde. Dort war Storm nun lange Zeit als Richter tätig. Kummer bereitete ihm damals sein Sohn Hans, der Arzt werden wollte, aber ein Trinker war und sich langsam zu Tode soff. 1880, im Alter von 63 Jahren, trat Storm in den Ruhestand und baute sich im Dorf Hademarschen ein kleines Haus. Er machte kleine Reisen, umgab sich mit Blumen und Bienen und konnte sich nun, befreit von der Last des Berufes, zu dem er bei aller Pflichttreue nie ein rechtes Verhältnis gefunden hatte, ganz seinen Werken widmen. Mitten in der Arbeit am Schimmelreiter überfielen den Siebzigjährigen Schmerzen. Er litt an Magenkrebs. Die Familie wusste ihn über den Ernst seines Zustandes so lange zu täuschen, dass er das angefangene Werk vollenden und sogar noch eine neue Arbeit in Angriff nehmen konnte. Doch dann fühlte er sein nahes Ende kommen. Am 4. Juli 1888 starb er.

Storm ist trotz seiner zahlreichen Novellen von Hause aus Lyriker. Es sind ihm einige Gedichte gelungen, wie wir sie in der damaligen Zeit nur bei Eduard Mörike finden. Diese Verse offenbaren eine schlichte, innige Unmittelbarkeit, die aus dem Herzen kommt und zum Herzen dringt. Sie haben Musik und auch Bildkraft. Diese Gedichte sind beseelt und gefühlsecht, und wir dürfen sie zu den Schätzen der deutschen Lyrik zählen.

Manche Verse klingen uns wie Volkslieder - und denke hierbei an das Gedicht mit der Überschrift “Verirrt”. Aber auch das weite Land an der See hat seinen Dichter gefunden. Er weiß jeden Zug im Gesichte der Heimat zu deuten. - Ein Gedicht davon trägt den Titel “Meeresstrand”.

Wertvoll für uns sind auch seine Gedichte - über die Heide - Die Stadt - Die Nachtigall - Abseits - oder das - Oktoberlied.

Aber immer wieder zieht Storm vor allem die Kunst der Novellen an. Der Lyriker Storm wandelt sich oft zum großen Epiker. Der alte Hauch von Traum und Zauber liegt auch über Theodor Storms Novellen. Sie steigern sich bisweilen zu dunkeldramatischer Wucht. Storm selber hat die Novelle in die Nähe der Dramatik gestellt. Von den Novellen Theodor Storms ist für seine Frühzeit “Immensee” bezeichnend, eine lyrische Novelle, die von wehmütigen Stimmungen durchtränkt ist.

Langsam wandeln sich Storms Stoffe, wandelt sich auch die Art der Darstellung. Die Themen werden sachlicher und nüchterner: Hans und Heinz Kirch” - “Carsten Curator”. Ein frischer Humor wie in der Novelle “Pole Poppenspäler” bleibt freilich selten. Düstere Tragik waltet vor allem in den Chronik Novellen, die Ereignisse der Vergangenheit in die Gegenwart heraufbeschwören. Wie in “Aquissubmersus” - “Zur Chronik von Grieshuus” - “Ein Fest auf Hadverslevhuus”. - Den Höhepunkt seines novellistischen Schaffens erreicht Storm in der letzten Novelle, die er zu seinem Ende schreibt, dem “Schimmelreiter”. Ob man nun an seine Menschen denkt - wie überzeugend sind der Deichgraf Hauke Haien und seine Frau Elke herausgearbeitet - oder an die großartige Naturschilderung in der Darstellung der Sturmnacht, ob man an den straffen Aufbau der Erzählung, - die doch immer wieder durchwoben ist von dem Dämmerlicht der Spukgeschichte - das Maß der Kritik legt: “Der Schimmelreiter” ist ein Meisterwerk Stormscher Erzählkunst. Die friesische Landschaft und der friesische Mensch sind nie mehr so anschaulich, ihr inneres Wesen ist nie mehr so glaubwürdig in die deutsche Dichtung eingegangen.

Referat gehalten von Hans Lehrer 1963/64 an der Höheren Wirtschaftsfachschule in München.