Eine Reise gegen die “Kollektivscham”

Münchner Merkur Nr. 157 / Dienstag, 10. Juli 2012

VOR 50 JAHREN: MÜNCHNER SCHÜLER BESUCHEN ISRAEL

Vom Frieden für alle singt er immer noch gerne: “Hevenu schalom alejchem”, stimmt Hans Lehrer an, während er in seinem Erinnerungsalbum blättert. Vor 50 Jahren schickte ihn die Stadt mit 29 anderen Schülern nach Israel. Ein Abenteuer, das Lehrer geprägt hat - am Ende ein bisschen anders, als gedacht.


Die Münchner Reisegruppe am Flughafen: Hans Lehrer steht unter dem "Israel"-Schriftzug mit der Hand am Kibbuzhut.

“Dass ich damals unter diesen vielen Bewerbern ausgewählt worden bin, war wie ein Sechser im Lotto”, sagt Lehrer. Vor kurzem ist er siebzig geworden. Ein Nasenring hängt schwer auf dem buschigen Schnauzer, ein Piercing zieht das rechte Ohrläppchen nach unten. Auf den alten Fotos erkennt man ihn nicht gleich wieder. Der gebräunte Zwanzigjährige, der in der Sonne Orangenbäumchen gießt oder grinsend neben einer hübschen Israelin sitzt.

1962 war das Jahr, in dem der Eichmann-Prozess endete, “was damals alles aufgewühlt hat”, wie sich Lehrer erinnert. Als man ihn im Auswahlgespräch fragte, warum er nach Israel reisen wolle, dachte er an die Worte des Bundespräsidenten Theodor Heuss: “Als Spätgeborener trage ich vielleicht keine Kollektivschuld, aber eine Kollektivscham. Ich wollte mit den Menschen sprechen, sie kennen lernen, um Vorurteile abzubauen.”

Die unter Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel organisierten Reisen sollten den Geschichtsunterricht ergänzen, der Anfang der Sechziger in der Regel nach dem Ersten Weltkrieg endete. Die 30 Teilnehmer zwischen 18 und 20 Jahren wurden über mehrere Monate auf ihre Reise vorbereitet. Sie besuchten gemeinsam das Konzentrationslager Dachau, hielten sich gegenseitig Referate und sahen den französischen Dokumentarfilm “Nacht und Nebel” über Zivilisten, die spurlos verschwanden, weil die Nazis sie der Kollaboration für verdächtig hielten.


Hans Lehrer damals, neben ihm
eine hübsche Israelin.
Was aus ihr wurde, weiß Lehrer nicht.

“Nur durch solche Bilder lernen unsere jungen Menschen verstehen (…), wenn sie nicht überall in Israel mit ausgebreiteten Armen empfangen werden”, schrieb ein Pädagoge in seinen Reisebericht: Und: “Nur durch solche Bilder begreifen sie, was es heißt, wenn sie in Israel mit ausgebreiteten Armen empfangen werden.”

Am 28. Juli 1962 landete die Gruppe auf dem Flughafen von Tel Aviv und fuhr fast einen ganzen Tag mit dem Bus nach Süden zum Kibbuz Nir-Am. “Als wir am Abend endlich aus dem Bus stiegen, begrüßte uns die ganze Gemeinschaft mit ‘Hevenu schalem alejchem”, erzählt Lehrer. “Das gemeinsame Singen war unser erster Kontakt.”

Die Münchner revanchierten sich mit “Der Hahn ist tot” und “Kein schöner Land” und setzten sich schon am nächsten Morgen den Kibbuzhut auf, um mitanzupacken. “Damals herrschte dort ja noch richtige Pionierstimmung”, erzählt Lehrer.

Er selbst wurde für die Orangenplantage eingeteilt, während Mitschüler auf den Baumwollfeldern arbeiteten, Kiefern hackten oder Wäsche wuschen. Man aß zusammen im Gemeinschaftsraum und traf sich abends mit Gitarre am Lagerfeuer. Die Israelis erlebte Lehrer wie die Frucht der Kaktusfeige, die dort so gerne gegessen wird: außen stachelig, innen süß.

“Schlechte Erfahrungen haben wir überhaupt nicht gemacht”, sagt er. Allerdings habe es ihn tief berührt, so viele Holocaust-Überlebende an ihren eintätowierten Nummer zu erkennen. “Und eine Frau im Bus hat angefangen zu weinen, als sie gehört hat, dass ich aus Deutschland komme.” Zurück daheim begann Lehrer ein BWL-Studium, kaufte sich im Winter Jaffa-Orangen und pflanzte die Kerne in kleine Töpfe. Aber schon im Sommer 1963 hatte er Sehnsucht. “Ich habe mir sogar gut vorstellen können, in einem Kibbuz dauerhaft zu leben - wenn mir nicht die Araber dazwischen gekommen wären.” Denn dieses Mal nahm Lehrer nicht das Flugzeug, sondern reiste über Land gen Osten. So lernte er Syrien, Jordanien und die Türkei kennen, verliebte sich in die arabische Gastfreundschaft und Kultur und konvertierte 1965 zum Islam. “Wenn ich irgendetwas mache, dann möchte ich aktiv sein, nicht nur Zuschauer. Und ich wollte schon immer nach Mekka reisen!”


Hans Lehrer heute
In München arbeitete Hans Lehrer mehr als 21 Jahre als Dolmetscher für die türkischen Gastarbeiter. “Ich wollte ihnen das Gefühl vermitteln, dass man sich auch in der Fremde wohl fühlen kann, so wie ich es auf meinen Reisen kennen gelernt habe.”

Auch wenn Lehrer heute die Vorurteile gegenüber Migranten irritieren, wenn er sorgenvoll die Meldungen aus Tel Aviv liest über rassistische Übergriffe auf Schwarze, ist er froh, “den Wandel der Zeit und der Toleranz erleben zu können”. Nachdem er Jahrzehnte mit seiner türkischen Frau und vier Kindern gelebt hat, ist auch er heute auf Toleranz angewiesen: “Seit meinem Outing als Homosexueller bin ich auch in eine Minderheit gedrängt worden und weiß, wie gut Verständnis und Toleranz tun.”

Als schwuler muslimischer Trachtler will Lehrer Brücken zwischen den Welten bauen. Jugendliche nach Israel zu schicken, wäre auch heute noch sinnvoll, meint er, aber nicht mehr unbedingt notwendig. “München ist doch zu einer Begegnungsstätte vieler Nationen geworden. Man muss sich nur aufgeschlossen zeigen.”

Hans Lehrer