Der Schäfflertanz

Ich kam in einem Schäfflertanzjahr, das in die Mitte des 2. Weltkrieges fiel, auf die Welt. Die Schäffler befanden sich an der Front und die Zuschauer im Luftschutzkeller. Das war leider der Grund, warum der Tanz ausfiel und erst 1949, in meinem 7. Lebensjahr, wieder aufgeführt wurde. Es war der erste nach dem Krieg, unter dem die Menschen so viel gelitten hatten, viel mehr noch als während der Pestzeit, weshalb die Schäffler vor mehreren hundert Jahren eigentlich zum ersten Mal auf die Straße gingen, um durch ihren Tanz Frohsinn und Zuversicht zu verbreiten. Das gelang ihnen auch vier Jahre nach Kriegsende. Als sie in unsere Schule kamen, war ich krank. Dafür sah ich den Schäfflertanz mitten auf der Hauptstraße vor dem Alten Wirt, wo die Zuschauer einen großen Kreis bildeten, um den Schäfflern ehrfurchtsvoll genügend Platz zu machen. Die Kasperl trieben schon damals ihre Späße und versuchten vor allem den Damen einen Fleck aus schwarzer Schuhcreme auf die Nase zu schmieren. Man freute sich, wenn eine darunter war, die mit einem Ami ging. Daheim wurde über den Schäfflertanz gesprochen, weil Vater in der Brauerei arbeitete und Arbeitskollegen unter den Schäfflern hatte, die beim Tanz mitmachten. Sieben Jahre dauerte es, bis die Schäffler 1956 wieder auftraten. Während ich vor sieben Jahren noch in der 1. Klasse war, kam ich in jenem Jahr bereits aus der Schule. Hier merkte man, wie schnell doch die Zeit verging. In trauriger Erinnerung ist mir das Jahr 1970 geblieben, in dem meine Mutter, während die Schäffler ihren Tanz überall aufführten, starb. Ich wollte sie damals nicht sehen und mich von ihrer Fröhlichkeit anstecken lassen. Als ich heuer die Schäffler mit ihrem Tanz übrigens zum zehnten Mal in meinem Leben wieder auf derselben Hauptstraße unweit des Alten Wirtes erlebte, war ich glücklich, dass es sie und auch mich noch gab. Die Schäffler von früher haben wieder jüngeren Burschen Platz gemacht, aber die Tänze und die Melodien mit der Schäfflerhymne sind, nach alter Tradition, die gleichen geblieben.

"Aber heit is koid, aber heit is koid, aber heit is sakramentisch koid...". Fast hätte es gestimmt; denn ein Schneesturm, der blitzartig einsetzte verwandelte die Schäffler bald in Schneemänner.

Ein leises Bittgebet aber richtete ich gen Himmel: “Lieber Gott, lass mich in sieben Jahren wieder mit dabei sein!”

Hans Lehrer