Chronik der Familie Erhard

(Quelle: Das bayerische Inn-Oberland 40. Jahrgang, 1976)

Die mütterliche Seite meines Vaters stammt aus Leutershausen. Ich konnte sogar die Adresse ausfindig machen: Am Lindenbrunnen Nr. 6

Dort verpackten sie 1802 ihre Habe auf Wagen. Es war bestimmt nicht viel, Betten und Wäsche, Saatgetreide und Samen der Feldfrüchte, vielleicht das Hauskreuz und eine Bibel, das wichtigste Werkzeug und kleineres Gerät, Geschirr und etwas Nahrungsvorräte. Vorne zog ein Pferd und am Ende des Wagens hing eine Kuh. Hatte man kein Pferd, so stand der Mann zwischen der Doppeldeichsel und hinten schob die Frau. Hundert Wegstunden waren es nach München und weiter nach Aibling. 10 - 12 Tage. Von Aibling aus verlief damals die Straße nach Ried, bog dort durch den Auwald zum Kolberschmied ab und führte über Schlimmerstädt nach Stadl (zum Ziegelstadl) an der Ebersberger Straße. Aber das “Gelobte Land” war eine Wüstenei, ein mit dichtem Strauchwerk bewachsenes Sumpfland mit wenig Wald und nur mit einem schmalen Streifen besseren Bodens an der Rott. Wenn wenigstens ein schöner Vorfrühlingstag gewesen wäre! Aber es war nasskalt. Schneeflocken wirbelten durch die Luft, und die Berge im Süden trugen noch ihr Winterkleid. Die Enttäuschung war so groß, dass ein Teil der Ankömmlinge, vor allem die besser Begüterten, sofort wieder umkehrten und heimzogen oder anderes Siedlungsland aufsuchten. Dabei trafen sie auf neue Einwanderer, die sie teilweise zur Umkehr bewegen konnten. Aber immer neue Wellen von Pfälzern kamen, darunter auch solche, die wenig Vermögen bei sich hatten. Es war ein Ankommen und Zurückkehren. Aller Anfang ist schwer, aber der von Großkarolinenfeld war nahezu eine Katastrophe. Bei dem großen Durcheinander der ersten Tage und bei dem Mangel genauer Aufzeichnungen lassen sich doch gewisse Dinge festhalten:

Die von Leitershausen (Leuthenhausen)

Leitershausen liegt nördlich von Heidelberg. Am 21. April 1802 trafen die Auswanderer dieses Dorfes in München ein, und einzelne Familienmitglieder erkundigten sich nach dem Weg zu den Moosgründen bei Aibling. Aber schon am nächsten Tag gab es große Erregung. Ihre Frauen hatten Landsleute getroffen, die ihnen von den Moosgründen das Schlimmste erzählten. Sie ließen deshalb Frauen und Wagen bei Peiß zurück und gingen auf Erkundigung. Am 23. April traf die Kommission ein. Die Leitershausener hatten aber schon vorher das Moor angeschaut. Vier von ihnen hatten vom Gesehenen genug und ließen sich am 24. April von den Herren von King und Schilcher die Pässe zur Heimreise zurückgeben. Die andern Leitershausener blieben. Die beiden Kommissare zeigten ihnen die Gründe, untersuchten den Boden und erklärten, wie man durch Abbrennen und Gräbenziehen aus dem Moor fruchtbares Ackerland gewinnen könnte. Trotz dieser Vorführung machte sich ein Teil der Leitershausener davon. Als die Kommission am 26. April weitere Siedler einwies, traf sie auf die unentschlossenen Leitershausener. Von diesen erklärten Lukas Beckert, dann die Witwe Adam Erhard und Martin Herder, dass sie bleiben wollten, wenn ihnen bei der Ausübung der Religion Zusagen gemacht würden. Sie forderten außerdem einen Kredit für den Fall, dass sie nach einem Vierteljahr ihr Vermögen noch nicht erhalten hätten, oder dass die zu erwartende Ernte sie nicht ernähren könnte. Dies wurde ihnen zugesagt. Sie erhielten die Lose 5, 7, 8 Witwe Erhard (meine Urururgroßmutter) bekam Los-Nr. 5. Sie war 60 Jahre alt, reformiert, und zu ihrer Familie gehörte ihr 21 jähriger Sohn mit Brau und ein weiterer Sohn mit 15 Jahren (mein Ururgroßvater). Barvermögen betrug 100 fl., außerdem waren in der Heimat noch 450 fl. Ausständig. Sie besaß einen Wagen, hatte zwei Betten und Weißzeug. Im November 1802 hatte sie noch kein Haus und alle mussten in einer Hütte überwintern. Eines ihrer zwei Pferde war schon umgekommen. 1803 übernahm das Los Nr. 5 der Einwanderer Jakob Blenk, der ein Schlosser war und noch in diesem Jahr ein Haus baute. Es ist dies das spätere Kometerhaus, Pfälzerstr. Nr. 73, das derzeit Josef Kometer gehört. Das Haus heute ist längst ein Umbau. Lukas Beckert (Schwiegersohn der Witwe Erhard) war reformiert und bekam das Los Nr. 7. Er wohnte im November 1802 mit seiner vierköpfigen Familie (darunter ein 2 ½ jähriges Kind) bereits im eigenen Haus, das aber innen noch nicht ausgebaut war. Zwei Pferde hatte er schon verloren und eine Kuh musste er schlachten. Er war Bauer und hatte 100 fl. Bargeld. 1803 ging sein Besitz an Peter Helf über, der aus Frankreich (wahrscheinlich linksrheinischen Pfalz) stammte, vielleicht aber über Ungarn nach Großkarolinenfeld gekommen war. Hausname ist Helfenfranz; es ist das Haus Pfälzerstr. Nr. 69, das in letzter Zeit von Fr. Bauer (Pfälzerhof) aufgekauft wurde.

Witwe Margarete Erhard und ihr Schwiegersohn Lukas Beckert konnten 1803 Großkarolinenfeld wieder verlassen und erwarben in Kirchtrudering bei München gemeinsam einen halben Hof des Zehentbauernanwesens, das zu jener Zeit zertrümmert wurde. Ihr kleines Gütl, das sie zunächst gemeinsam bewohnten, erhielt den Hausnamen “Beim Hanikl”. Über viele Jahre hinweg waren sie die einzige protestantische Familie in Trudering, Außenseiter wegen ihres reformierten Glaubens und trotzdem tüchtige Menschen, die es durch Zusammenhalt im Laufe der Zeit zu Wohlstand und Ansehen brachten. Mein Urgroßvater Adam Erhard wurde 1818 in Kirchtrudering geboren und in Ermangelung eines evangelischen Pastors in der katholischen Kirche Peter & Paul getauft. Seine zweite Frau stammte aus Weißenburg in der Pfalz, mit der er zwei Töchter hatte, wovon die ältere meine Großmutter Elisabeth Erhard ist, die meinen Großvater Philipp Lehrer aus Feldkirchen bei München geheiratet hat.

Ich habe große Hochachtung vor meinen Vorfahren, die es im katholischen Bayern nicht leicht hatten, sich anpassen mussten und trotzdem ihre alte Heimat nie vergaßen und dem Herrgott treu dienten. Für mich ist es heute einfach, Leutershausen zu besuchen. Die Leute damals sahen ihre Heimat nie wieder.

Hans Lehrer