„Mein Leben ist die Bühne“

Hans Lehrer ist Bayer und Moslem. Mit 65 Jahren outet sich der Familienvater als schwul und eröffnet eine Kneipe. Ein Leben voller Neuanfänge. Von Florian Kellner

Hans Lehrer Bei ihm verläuft alles immer anders als normal. Auch im Rentenalter verändert sich bei Hans Lehrer noch einiges. Zum Trachtler, der Moslem ist, kommt noch schwuler Kneipenwirt hinzu. „ Ich hatte das alles nie geplant. Es war immer eine Entwicklung.“ Begonnen hat diese mit Anfang 20. Hans Lehrer reist zum ersten Mal in die Türkei. Er war schon in anderen Ländern, wie England, Griechenland und Israel. Aber von der Türkei ist er besonders fasziniert. Schon bei der 48-Stunden-Zugfahrt nach Istanbul fällt ihm der Gemeinschaftssinn der Türken auf. Die Mitreisenden sind ihm gegenüber offen, er wird zum Gemeinschaftsessen eingeladen. Als Fremder ist er in der Türkei immer herzlich willkommen. Die Gastfreundlichkeit dieser Leute erstaunt ihn. Ab dann reist er jedes Jahr in die Türkei und von dort aus in die angrenzenden Länder. Um sich besser zu verständigen, bringt sich Hans Lehrer selbst mit einem Lehrbuch türkisch bei. Hans Lehrer wird katholisch erzogen. Sein Vater ist evangelisch, die Mutter katholisch. Es kommt immer wieder zu religiösen Auseinandersetzungen. Später ist er zwar Ministrant, aber mit der katholischen Kirche ist er nie ganz einverstanden. Durch seine Reisen in den Orient begegnet Hans Lehrer dem Islam. 1965 konvertiert er und wird streng gläubig, betet mehrmals am Tag, pilgert nach Mekka. Das hat sich jetzt schon wieder gewandelt. Er hat sich inzwischen wieder ein wenig dem Christentum zugewandt. Laut Hans Lehrer ist im Islam wie im Christentum der Kern die Liebe zum Menschen und dann über den Menschen die Liebe zu Gott. Für ihn gibt es daher keinen wesentlichen Unterschied zwischen Islam und Christentum. Nun ist er keiner Religion mehr richtig angehörig. Er hat über Jahre hinweg seinen eigenen Weg gefunden. „Man könnte mich als Freigeist bezeichnen.“, meint Hans Lehrer dazu. Für Hans Lehrer war es immer wichtig, eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. Er heiratet eine Türkin, mit der er vier Kinder bekommt. Von seinem Umfeld gibt es kaum Widerstand, weder auf deutscher, noch auf türkischer Seite. Und selbst wenn, ist ihm das egal. Er lässt sich von niemandem etwas vorschreiben, die Meinung anderer ist ihm nicht wichtig. Hans Lehrer beginnt für die Stadt München als Dolmetscher zu arbeiten. Viele türkische Gastarbeiter arbeiten bei der Straßenreinigung und können sich aber nicht verständigen. Hans Lehrer wird zum Vermittler. Bei den Türken ist er sehr beliebt, weil er Moslem ist und eine türkische Frau geheiratet hat. Aus Hans wird Hasan. Er ist der Türkenversteher. Für Hans Lehrer ist es sein Traumjob. Und er arbeitet noch viel mehr, als eigentlich verlangt wird, denn er kann den Menschen helfen. Er geht mit den Türken auf Ämter oder begleitet sie ins Krankenhaus und trifft für sie wichtige Entscheidungen. Er besucht die Arbeiter in ihren Wohnheimen und es entstehen Freundschaften. Er ist stolz auf das Vertrauensverhältnis, das er zu den Türken hat. „Es gibt nichts Schöneres, als wenn ein Mensch einem vertraut.“ Nachdem die Kinder erwachsen geworden sind, entdeckt Hans Lehrer die Ahnenforschung. Er will wissen wo er herkommt, seine Wurzeln finden. In seinem Wohnzimmer in Trudering hängen jetzt Bilder von väterlicher und mütterlicher Seite, die bis zu vier Generationen zurückreichen. Über die Ahnenforschung entdeckt er den Trachtenverein. Bisher hatte er mit dem bayerischen Brauchtum überhaupt nichts zu tun. Sein Großvater war viel mit den Trachtlern unterwegs. Aus Interesse nimmt Hans Lehrer an einem Vereinsabend teil und ist sofort fasziniert: Die Trachten, das Tanzen, das Gemütliche, das Zünftige. Hans Lehrer wird Vereinsmitglied. Der Trachtenverein ist etwas sehr Traditionelles. Dass Hans Lehrer Moslem ist, macht ihm keine Probleme. Mit ihm wird gut umgegangen, er wird akzeptiert. Hans Lehrer macht sich schon immer stark für Toleranz und Völkerverständigung. Zur Jubiläumsfeier der Straßenreinigung organisiert Hans Lehrer einen bayerischen Abend zusammen mit dem Trachtenverein. Es gibt Bauchtänze und die Trachtler schuhplatteln. Türkische und bayrische Kultur treffen an einem Abend aufeinander, und es funktioniert. Hans Lehrer ist der Brückenbauer zwischen zwei Welten. „Ich wollte immer Sachen zusammen bringen, die eigentlich gar nicht zusammen gehören.“ Nebenbei schreibt Hans Lehrer als „Federfuchser“ gerne Geschichten, die beim Verein sehr gut ankommen. Er beginnt für die Trachtlerzeitung zu schreiben und steigt dort schnell auf. Er wird zum ehrenamtlichen Sachausschussvorsitzenden für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im bayerischen Trachtenverband. Hans Lehrer ist nun eine bekannte Persönlichkeit. Trotz einheitlicher Tracht ist er der Exot - der Moslem im Trachtenverein -, der auffällt und das gefällt ihm. Er steht gerne im Mittelpunkt und provoziert gerne. „Mein Leben ist die Bühne und ich bin der Schauspieler, der auf den Putz haut.“ Und das tut er erneut. 2007 outet sich Hans Lehrer offiziell als schwul. Schon im Kindesalter weiß er, dass er diese Neigung hat, doch sie ist für ihn immer etwas Negatives. Über Homosexualität wird gelästert, es wird abgewertet. Selbst nach dem Gesetz ist Homosexualität damals strafbar. Er selbst empfindet das Schwul-Sein durch seine Erziehung und seinen Glauben als Sünde und verbirgt deswegen diese Seite von ihm. Doch nach jahrelangem Verheimlichen steht er offiziell zu seiner Homosexualität. Mit seinem Coming-Out können seine Kinder gut umgehen. Sie sind tolerant und halten zu ihm, wollen keine Distanz. Seine Frau kommt damit weniger zurecht, sie reist daraufhin in die Türkei. Auch die Trachtler reagieren unterschiedlich. Zum Teil wird er akzeptiert, aber viele empfinden seine Homosexualität unvereinbar mit dem traditionellen Trachtenverein. Seine Ämter muss er aufgeben und er verlässt den Verein. Aber nicht, weil er gehen muss, sondern weil er insgesamt das Interesse am Verein verloren hat. Solange es gepasst hat, war es schön: „Alles zu seiner Zeit, mit den richtigen Leuten, am richtigen Ort.“, ist die Ansicht von Hans Lehrer. Kurze Zeit darauf eröffnet Hans Lehrer, zusammen mit seinem Freund Klaus, eine Schwulenkneipe in München. Er ist für die Gästebetreuung zuständig, sein Freund für den Ausschank. Klaus brachte schon Kneipenerfahrung mit, also haben sie sich gedacht: „Das wär doch was, probieren wir’s!“ Ein Jahr lang betreiben die beiden die Kneipe. Es ist eine schöne Zeit mit vielen interessanten Begegnungen. Öfter sagen Gäste Hans Lehrer, wie toll sie es fanden, dass er sich öffentlich geoutet hat und dass er eine Vorbildfigur für sie geworden ist. Selbst Mitglieder aus seinem Trachtenverein kommen, um Hans Lehrer zu besuchen. „Wenn der Hans nicht zu uns kommt, dann kommen wir halt zu ihm – egal, ob er schwul ist oder nicht.“ Die Krönung ist die Tagung des Ausschusses seines Trachtenvereins in seiner Kneipe. Nach einem Jahr gibt Hans Lehrer die Kneipe an einen Interessenten weiter. Immer nachts bis zwei oder drei Uhr zu arbeiten ist auf Dauer mit zu wenig Einnahmen, um sich weiteres Personal leisten zu können, zu anstrengend. „Vielleicht hätten wir das doch länger durchstehen sollen.“, denkt Hans Lehrer jetzt. Doch dafür hat er jetzt Zeit für seine neue Leidenschaft, das Motorradfahren. Mit 65 Jahren macht Hans Lehrer den Motorradführerschein, innerhalb von nur einer Woche. Vormittags und nachmittags Fahrstunden und am Mittag Theorie. Zusammen mit seinem Freund unternimmt er Touren. Darunter Fahrten nach Florenz, an den Lago Maggiore, nach Polen oder nach Tschechien. Daheim ist er seit jeher in seinem Elternhaus in Trudering mit seinem Freund Klaus und seinen drei Hunden, die viel Zeit beanspruchen. Ein nächstes großes Projekt gibt es daher nach Kneipe und Motorradführerschein im Moment nicht. Mit seiner Frau ist er mittlerweile wieder in einem guten Kontakt. Nach all seinen verschieden Stationen ist Hans Lehrers persönliches Motto „Menschlich bleim!“ Akzeptiere jeden so, wie er ist.

Florian Kellner