Bayer, Vater, Moslem, Schwul

Interview BOX, Ausgabe 262, April 2015
Er ist ein wasch­echter Bayer, Vater von vier Kin­dern, zum Islam kon­ver­tiert und offen schwul. Das sind die Merk­male eines außer­gwöhn­lichen Men­schen und eines Men­schen, der stereo­type Redens­arten wider­legt. BOX sprach mit Hans Lehrer aus München.

BOX: Erzähle uns doch ein wenig über dich, wo du herkommst und aufgewachsen bist, was du gemacht hast und vor allem, was dich bewegt hat, ausgerechnet zum Islam zu konvertieren?

Hans: Meine Geburtsstadt ist München, dort bin ich auch groß geworden, habe mein ganzes Leben in dieser schönen Stadt verbracht und bin von dort wie Sindbad der Seefahrer zu meinen Reisen aufgebrochen, die mich in jungen Jahren vor allem in den Orient geführt haben. Dazu genügten ein Rucksack, viel Zeit und etwas Geld in der Tasche und viel Abenteuerlust. Meine erste große Reise unternahm ich mit 21 Jahren in die Türkei (Zugfahrt München-Istanbul 48 Std.) Von dort ging es weiter über Syrien, Jordanien nach Israel. Meine Begeisterung für diese Länder und ihre wunderbaren Menschen war so groß, dass ich in den darauf folgenden Jahren immer größere Reisen dorthin unternahm, Iran, Irak, Ägypten. 1969 fuhr ich über Afghanistan, Pakistan bis nach Indien und auf der gleichen Strecke wieder zurück. Mit meinem Geld ging ich sehr sparsam um, ließ mich oft einladen und nutzte die Gastfreundschaft, wie ich sie von Deutschland her nicht kannte. Überall spürte ich die große Herzlichkeit, was natürlich zur Folge hatte, dass ich auch den Islam kennen und lieben lernte. Zum fünfmaligen Gebet stellen sich die Männer in der Moschee in einer Reihe auf, Schulter an Schulter, ich spüre ihren Atem und lasse mich gerne umarmen und küssen, weil ihre Gefühle echt sind. Da ich mir aus Frauen niemals etwas machte, vermisste ich sie auch nicht beim Gebet oder sonst irgendwo. Aus den türkischen und arabischen Männern wurden meine Brüder, als ich ihre Religion annahm und sie mich deshalb besonders ins Herz geschlossen hatten. Ich war kein Außenseiter mehr, sondern einer von ihnen.

BOX: Wie praktizierst du deinen Glauben und wie bringst du das mit deinem Leben als offen schwuler Mann in Einklang? Du hast ja sicher Kontakt zu anderen Gläubigen Muslimen, wie nehmen die dich an?

Bild: Horatio Sava

Hans: Als ich vor 50 Jahren in Konya (Türkei) zum Islam konvertierte, habe ich mich jahrelang mit dieser Religion beschäftigt. Ich pilgerte 1972 nach Mekka und Medina, heiratete 1973 eine junge Frau in einem anatolischen Dorf, bekam mit ihr vier Kinder, brachte mir die türkische und arabische Sprache selbst bei, war 28 Jahre lang türkischer Dolmetscher bei der Städt. Straßenreinigung in München, versuchte ein guter Moslem zu sein und sprach nie über meine Homosexualität, die mich immer begleitete, mir lästig war, die ich verheimlichte , die ich als Sünde bekämpfte, die schuld war, mich hin und wieder mit Männern heimlich zu treffen, die mir ein schlechtes Gewissen bereitete, mein Selbstbewusstsein durcheinander brachte, weil ich nicht über meinen Schatten springen konnte. Ich führte ein Doppelleben, gegenüber meiner Frau, meinen Kindern, meinem islamischen Bekanntenkreis und meiner Verwandtschaft. In der christlichen und islamischen Religion versuchte ich eine Antwort zu bekommen, ob Homosexualität widernatürlich ist, um an meinem Seelenheil weiter zu arbeiten. Jesus, der einen Lieblingsjünger hatte und mit 12 Männern durch das Land zog und sich zu ihnen bekannte, war mir ein großes Vorbild. Mit der islamischen Mystik, die in der allumfassenden Liebe gipfelt und einst einen berühmten Derwisch hervorbrachte, der vor 800 Jahren seinem Geliebten innige Liebesgedichte schrieb „Ich bin Wind und du bist Feuer“, brachte ich meinen Glauben und meine Neigung in Einklang. Auch ich fand einen Geliebten, mit dem ich seit zehn Jahren zusammen lebe, den ich nicht verleugnen möchte und meine homosexuelle Neigung offen zugab und jeder Zeit zugebe. Mit ihm eröffnete ich im Glockenbachviertel eine Kneipe und freute mich über jeden Muslim, der trotzdem in alter Freundschaft zu mir fand, übrigens auch über die Trachtler, die mich so akzeptierten, wie sie mich kannten. Alte Freunde verliert man, neue Freunde lernt man kennen. Wer mich so nimmt, wie ich bin, hat eine Chance, weiterhin mein Freund zu sein. Allerdings laufe ich niemandem hinterher und höre mir keine Beleidigungen an.

BOX: Wenn du die Entwicklungen und Geschehnisse rund um den aktuellen Islam siehst, hast du den Schritt bereut?

Hans: Ich wurde schon oft gefragt, ob ich in meinem Leben etwas bereue. Auf meinem Grabstein soll einmal stehen: „Ich bereue nichts!“ Ich bereue nicht, Muslim geworden zu sein, denn der Islam ist Teil meines Lebens. Ich habe durch ihn wunderbare Freunde gefunden, Erkenntnisse erworben, verspüre Gefühle, mit denen eine Minderheit in unserem Lande zu kämpfen hat. Goethe bestärkte mich mit seinem Ausspruch: „Wenn Islam Hingabe an Gott bedeutet, sind alle Gläubigen Muslime“. Allerdings lehne ich Fanatismus in jeder Beziehung ab. Mein Lebensmotto heißt: „Menschlich bleiben“. Jeder Religion sollte vor allem ein Satz heilig sein: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu.“ Dann würden sich alle Religionen auf Augenhöhe treffen und feststellen, dass Allahs oder Gottes Gebot lautet: Liebet einander, so wie ich euch liebe.

BOX: Was sagst du zu den aktuellen Geschehnissen von ISIS bis zum Terror in Paris, den islamfeindlichen Märchen und der Furcht vor Islamisierung bzw. ob der Islam überhaupt ein friedliches Auskommen möglich macht? Bist du früher oder aktuell angefeindet worden, gerade aus der schwulen Szene?

Bild: Ursula Zeidler

Hans: Vor 50 Jahren gab es weder das eine, noch das andere. Um so mehr bin ich enttäuscht und traurig darüber, wie sehr Fanatismus den Islam unterwandert hat und die Welt damit terrorisiert und in Angst und Schrecken versetzt. Ich habe noch nie gehört, dass es Judenverfolgungen in den islamischen Ländern gegeben hat, dass jemand wegen seiner Rasse dort diskriminiert wurde. Vor allem in Spanien hat uns der Islam gezeigt, dass ein friedliches Auskommen und eine blühende Kultur möglich sind. Talmud, Evangelium und Koran müssen drei gleichlautende Botschaften werden, für alle Gläubigen, auf dieser Welt. Zur Hölle mit den Hasspredigern und ihren „satanischen Versen“, mit den Mördern und Selbstmördern, die unschuldige Menschen mit in den Tod ziehen. Ohne ein friedliches Auskommen wird der Islam scheitern und die Menschheit mit ihm. Soweit lässt es Gott nicht kommen. Ich lehne die Scharia ab, weil sie menschenverachtend ist und mit Gott nichts zu tun hat. Anfeindungen aus der schwulen Szene kenne ich nicht, weder früher noch heute, warum auch? Vor meinem coming out war ich Pressesprecher des Bayerischen Trachtenverbandes. Mir wurde nahe gelegt von meinem Amt zurückzutreten, weil man sich mit mir schämte. Homophob sind meistens nur jene, die selbst schwul sind, es aber nicht zeigen oder zugeben wollen. Ihnen gebe ich den Rat, „outet euch“, zeigt Flagge, wenn ihr könnt! Haltet zusammen und werdet zum Vorbild für andere. Das gilt vor allem auch für die Sportler.

BOX: Was möchtest du den Lesern gerne noch sagen?

Hans: Ich bin froh, in der richtigen Zeit, am richtigen Ort mit den richtigen Menschen leben zu dürfen. Ich bin froh, in Frieden und Freiheit aufgewachsen zu sein und immer mehr Menschen eine „bunte“ Welt herbeisehnen. Ich bin froh, dass wir eine freie Presse haben, frei unsere Meinung äußern können und der Ungerechtigkeit sofort ein Name verpasst wird.

(mz - Bilder: Horatiu Sava, U.Zeidler)