Gegen den „Erdowahn“

Das Truderinger Original Hans Lehrer rät zur
Gelassenheit im Umgang mit dem türkischen Präsidenten

Die Verbindung zur Vergangenheit seiner Familie ist für Hans Lehrer sehr wichtig. Ein großer Teil seiner Wohnzimmereinrichtung stammt aus Familienbesitz. © Rescher

Bei all dem Unmut, den die meisten Deutschen gerade über den türkischen Präsidenten Recep Erdogan empfinden, lässt einer sich nicht aus der Ruhe bringen: der Truderinger Hans Lehrer. Pointiert und mit spitzer Zunge bringt er auf seiner Internetseite „federfuchser.info“ seine Kritik am „Erdowahn“ auf den Punkt.

Dem 75-jährigen Truderinger ist der Widerstand gegen die Obrigkeit förmlich in die Wiege gelegt worden. Schon einer seiner Vorfahren, Jakob Bodner, der nach seiner Beteiligung an einem Aufstand in Österreich nach Deutschland hatte fliehen müssen, rebellierte gegen die katholische Kirche, indem er „zu den Evangelen“ wechselte und als solcher – selbstverständlich widerrechtlich – seine protestantischen Glaubensbrüder in Feldkirchen beerdigte. Einer von Hans Lehrers Onkeln wurde im Dritten Reich von der Gestapo verhaftet, nachdem er in einer Kneipe gesagt haben soll: „Eine Monarchie wäre mir lieber als der Hitler!“ Und auch Hans Lehrer selbst ist kein unbeschriebenes Blatt. Nachdem er 1965 zum Wehrdienst eingezogen worden war, machte er sich während seiner Grundausbildung lieber auf eine Reise in den Orient. Dies beschert ihm nach seiner Rückkehr 21 Tage Haft und ein halbes Jahr auf Bewährung wegen Fahnenflucht.

Hans Lehrer ist insgesamt ein Mensch, der sich nur schwer in Schubladen stecken lässt. Überzeugter Bayer, konvertierter Moslem, Vater von vier Kindern und schwul – wer versucht, Klischees auf den Mann anzuwenden, hat es schwer. In einer Zeit, in der Schwule sich noch nicht öffentlich zeigen konnten, sah der Rebell Lehrer alles Zwischenmenschliche eher als Prüfung denn als romantische Initiative: „Frauen waren für mich eine Herausforderung, eine Möglichkeit, mir selbst zu zeigen, dass ich normal bin.“ Auch der Glaubenswechsel vom Christentum zum Islam hatte hauptsächlich pragmatische Gründe: Der Truderinger wollte unbedingt einmal nach Mekka und Medina. „Als Ungläubiger ist es nicht möglich die Kabaa zu sehen.“ Den ersten Kontakt mit dem Islam hat Lehrer mit 20 Jahren, als er auf seiner Fahnenflucht in die Türkei kommt. Sie wird ein Schicksalsland für ihn. „Die Sprache habe ich förmlich im Zug gelernt“, erzählt der 75-Jährige. „Als ich nach 48 Stunden in Istanbul ausgestiegen bin, hatte ich eine Liste mit 200 Wörtern in der Tasche.“ Für alle seine weiteren Reisen in den arabischen Raum sollte die Türkei das Ausgangsland bleiben. Während die Türkei sein Sehnsuchtsland ist, bleibt Trudering aber immer seine Heimat. Beruflich konnte er beide Leidenschaften in den 1970ern verbinden: Lehrer wurde Dolmetscher und inoffizieller Integrationshelfer für die städtische Straßenreinigung, weil zu dieser Zeit hauptsächlich türkische Gastarbeiter dort angestellt waren. Hasan, wie er von den Migranten genannt wurde, half bei Behördengängen, der Wohnungssuche und war aktives Mitglied der örtlichen islamischen Gemeinde.

1973 heiratete Hans Lehrer eine Frau aus Anatolien. Denn obwohl er eigentlich schwul ist, sehnte er sich gleichzeitig nach Nestwärme: „Ich wollte immer Kinder, eine Familie und damit ein Stück Normalität.“ Dieser Wunsch ging schnell in Erfüllung, schon 1977 wurde sein viertes Kind geboren.

Seine Verbundenheit mit Trudering entdeckte Hans Lehrer, als er sich 1995 an die Ahnenforschung machte. „Ich habe ein Foto von meinem Großvater aus dem Jahr 1913 gefunden“, erzählt er. „Ich wollte herausfinden, welche Verbindung er zu dem abgebildeten Trachtenverein hatte.“ So kam er zum Truderinger Trachtenverein Almrausch und war sofort fasziniert. Mit 53 Jahren lernte er das Schuhplatteln, fing an, für die Vereinszeitung zu schreiben und wurde Pressewart – erst im Verein, später im bayerischen Trachtenverband. In dieser Pressesprecher-Zeit entstand auch Lehrers Internetseite www.federfuchser.info, die er heute als Tagebuch und Plattform für seine Gedichte nutzt. Lehrers Zeit im Trachtenverband endete, nachdem er sich zu seinem Lebensgefährten bekannt hatte. „Man legte mir den Rücktritt nahe“, erinnert er sich, betont aber, dass dies kein Beinbruch gewesen sei. Mit seinem Freund eröffnete er eine Schwulen- kneipe – in welcher der Trachtenverein Almrausch in der Folge seine Sitzungen veranstalten sollte. Seine Kinder hätten ohnehin kein Problem mit seiner Lebenssituation, betont Lehrer: „Sie sagen: Hauptsache, der Papa ist glücklich!“

Doch ganz losgelassen hat der Orient den 75-Jährigen nie. Auch heute noch beschäftigt er sich mit den Vorgängen dort. „Wenn ich sehe, was da mit Erdogan in Türkei los ist, blutet mir das Herz“, sagt er. Regelmäßig veröffentlicht er auf seiner Internetseite Texte zu dem Thema. Unter dem Motto „Neues vom Erdowahn“ dichtete er im Juli: „Aug‘ um Aug‘ und Zahn um Zahn, so denkt Recep Erdowahn. Kindisch ist längst sein Benehmen, eigentlich sollt‘ er sich schämen. Als Präsident in der Türkei, fühlt er sich völlig fehlerfrei, schart um sich alle die Muslime und hört gern ihre Lobeshymne.“ Wenige Tage zuvor dichtete er: „Das Volk folgt einem Demagogen, der alle Macht auf sich vereint, Tyrann und schlauer Fuchs in einem, setzt er sich durch, so wie es scheint.“

Hans Lehrer macht die aktuelle Lage in der Türkei traurig. Doch leider wollen die Orientalen seiner Meinung nach „immer einen starken Mann an der Spitze“. Was den Truderinger aber nicht davon abhält, seine Meinung zu sagen!

Wolfgang Rescher


Rescher, W. (2017). Das Truderinger Original Hans Lehrer rät zur Gelassenheit im Umgang mit dem türkischen Präsidenten. [online] https://www.hallo-muenchen.de. Available at: https://www.hallo-muenchen.de/muenchen/ost/trudering-riem-ort43347/truderinger-original-hans-lehrer-gelassenheit-umgang-tuerkischen-praesidenten-8561865.html [Accessed 27 Aug. 2017].