Der „Heilige Krieg“ gegen das „Ich“

1988

(zusammengesucht aus verschiedenen islamischen Schriften)

Der „Heilige Krieg“ gegen das „Ich“

Es ist dem Menschen auferlegt, sein Ich zu bekämpfen und ihm seine Lust zu verwehren; seine Waffe dabei ist der Verstand. „Ich“ heißt auf lateinisch „ego“. Davon leitet sich das Wort Egoismus ab. Es bedeutet Selbstsucht. Ein Bedürfnis, die eigene Person in den Mittelpunkt zu stellen. Sämtliche Religionen verdammen dieses Laster; denn es führt zu Streit und Krieg im Zusammenleben der Menschen, in der menschlichen Gemeinschaft. Gott macht die Erlösung des Menschen von der völligen Aufgabe seines „Ichs“ abhängig. Vorbilder sind die Gurus im Hinduismus, die Derwische im Islam und die Heiligen im Christentum.

Jesus verlangt von den Menschen Demut. Im Evangelium des Lukas verkündet er: „Jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Nur wenn das Wort „Ich“ fällt, fällt die Grenzscheide zwischen Mensch und Gott. Vom berühmten islamischen Mystiker al-Hallag stammen die Sätze: „Zwischen mir und dir ist ein 'ich bin', das mich bekümmert. Darum räume ich in deiner Güte das 'ich bin' fort.“

In dieser Wesenseinheit von Gott und Mensch wird das tätige Leben des Einzelnen zu einem menschlichen und göttlichen Leben, d.h. In diesem Dasein handeln Mensch und Gott zugleich.

Der einzige Weg zur Freiheit ist die Aufgabe der Selbstsucht. Die Liebe überwindet jede Selbstsucht. Sie bedeutet Erlösung und Vereinigung mit Gott.

Eine Geschichte soll all das Gesagte verdeutlichen:

Ein Mann klopfte an die Tür des Freundes. „Wer ist da? - Ich bin es. - Hier ist kein Platz für zwei, antwortet die Stimme.“ Der Mann geht weg und verbringt ein Jahr in der Einsamkeit. Dann kommt er zurück: „Wer ist da? Sagt die Stimme. - Du bist es, o Geliebter. - Da ich es bin, so mag ich hereinkommen! Für zwei ist im Haus kein Platz.“


Hans Lehrer · 21.06.2018

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